
Wenn wir beginnen Schmerz zu messen – auch in der Trauer
Wenn wir beginnen, Schmerz zu messen – auch in der Trauer
(Warum jede Form von Leid ihre Berechtigung hat)
„Ich habe ja „nur“ meinen Mann verloren …“
Neulich sagte eine Frau in einem Gespräch zu mir:
„Ich habe ja nur meinen Mann verloren. Und das ist jetzt auch schon zwei Jahre her. Und jetzt ist dieses grosse Unglück passiert – und mir geht es immer noch so schlecht. Wie sollen denn andere Menschen mit dieser Trauer umgehen?“
Beim letzten Treffen mit ihren Söhnen, erzählte sie, habe sie gar nicht mehr gewagt, über ihre Gefühle zu sprechen.
Solche Sätze höre ich im Moment öfter.
Seit dem Unglück in Crans-Montana, bei dem so viele Menschen gestorben sind, trauen sich manche kaum noch, ihren Schmerz zu zeigen.
Weil sie glauben, ihr Leid sei kleiner, weniger wert, nicht mehr erlaubt.
Trauer lässt sich nicht vergleichen
Aber kann man Trauer wirklich vergleichen?
Ich glaube: nein.
Trauer ist immer Ausdruck einer Beziehung – und jede Beziehung ist einzigartig.
Darum kann es kein mehr oder weniger Schmerz geben.
Nur das, was da ist – in diesem einen Herzen, in diesem einen Leben.
Wenn wir beginnen, Schmerz zu messen, machen wir ihn klein.
Wir entziehen ihm den Raum, den er braucht, um sich zu zeigen und sich mit der Zeit zu verwandeln.
Trauer ist kein Wettbewerb, sondern eine Sprache der Liebe.
Wie Bewertungen die Trauer blockieren
Wir Menschen sind es gewohnt, zu bewerten.
Schon früh lernen wir, einzuordnen, abzuwägen, zu vergleichen.
Doch wenn wir dieses Muster auf die Trauer übertragen, nehmen wir uns und anderen die Erlaubnis, zu fühlen, was da ist.
Wer sich mit seiner Trauer zurückhält, weil „andere Schlimmeres erlebt haben“, unterdrückt etwas, das gelebt werden will.
Und das kann langfristig blockieren, krank machen oder zu stiller Einsamkeit führen.
Trauer will gesehen, gehört und gespürt werden – unabhängig von der Ursache.
Jede Beziehung ist einzigartig – jede Trauer auch
Wir trauern nie um ein Ereignis, wir trauern um eine Beziehung.
Um das, was uns verbunden hat, und um das, was fehlt.
Darum ist es ein Ding der Unmöglichkeit, Trauer zu vergleichen.
Jede Beziehung ist anders, jede Liebe trägt eine eigene Geschichte.
Darum verdient auch jede Trauer ihren Platz – ganz gleich, ob sie laut oder leise ist, frisch oder schon alt, sichtbar oder still.
Ein Plädoyer für Mitgefühl statt Bewertung
Vielleicht sollten wir uns alle ein wenig zurücknehmen – mit unseren Urteilen, unseren gedanklichen Massstäben, unserem Bedürfnis, Leid zu ordnen.
Vielleicht genügt es manchmal, einfach da zu sein.
Und die Trauer eines Menschen nicht zu bewerten, sondern anzuerkennen – als das, was sie ist: Liebe, die ihr Ziel (kurzfristig) verloren hat.
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