
Trauer und Übergänge
Wenn es draußen dunkler wird – Trauer, Übergänge und was bleibt
Manche Bilder bleiben.Bei mir ist es gerade dieses: Draußen wird es immer dunkler – und gleichzeitig wird die Musik heller.
Am vergangenen Samstag war ich auf einem Konzert, das rund um die Tag-und-Nachtgleiche, das Äquinoktium, gestaltet war. Als das Konzert begann, war es draußen noch hell. Die Musik dagegen war zunächst ruhig, traurig und schwer. Während draußen langsam die Dunkelheit hereinbrach, veränderte sich die Musik. Sie wurde leichter. Zuversichtlicher. Nicht plötzlich. Nicht so, als wäre die Schwere einfach verschwunden. Aber etwas anderes kam hinzu. Während es draußen dunkler wurde, wurde die Musik heller. Dieser Gedanke begleitet mich seither.
Denn er erzählt für mich viel über Trauer, Abschied und Übergänge im Leben.
Tag-und-Nachtgleiche: Ein Moment zwischen Licht und Dunkelheit
Bei der Tag-und-Nachtgleiche sind Tag und Nacht ungefähr gleich lang. Licht und Dunkelheit halten sich für einen kurzen Moment die Waage. Danach werden im Herbst die Tage kürzer. Wir verabschieden uns vom Sommer. Die Wärme lässt nach, die Natur verändert sich… Wir kennen diesen Übergang. Er kommt jedes Jahr. Und trotzdem liegt in ihm jedes Mal ein kleiner Abschied. Vielleicht berührt mich die Tag-und-Nachtgleiche deshalb so sehr: Sie erinnert daran, dass unser Leben aus Übergängen besteht.
Übergänge im Leben können gewählt oder aufgezwungen sein
Manche Übergänge suchen wir selbst. Wir beginnen eine neue Arbeit. Ziehen um. Verlieben uns. Trennen uns. Wagen etwas Neues. Lassen Gewohntes hinter uns. Andere Übergänge kommen, ohne dass wir sie bestellt hätten. Eine Krankheit. Der Verlust einer vertrauten Rolle. Das Älterwerden. Eine Trennung, die wir nicht wollten. Oder der Tod eines Menschen, den wir lieben. Manche Veränderungen kündigen sich lange vorher an. Andere treffen uns vollkommen unvorbereitet. Und gerade jene Übergänge, die wir nicht gewählt haben, können unser bisheriges Leben erschüttern. Plötzlich gilt nicht mehr, was gestern noch selbstverständlich war.
Wenn ein Mensch stirbt, verändert sich mehr als sein Platz im Leben
Auch ich erlebe gerade einen solchen Übergang. Vor Kurzem habe ich die Kerze von der Trauerfeier eines Freundes wieder angezündet. Ich habe kurz innegehalten, seinen Namen gedacht und zugelassen, was da war. Das Erste war Groll. Noch immer bin ich voller Groll darüber, dass ein so junger, begabter Mensch sterben musste. Ein Mensch, der musikalisch war, beruflich viel erreicht hat und noch mehr erreichen wollte. Ein Mensch, der eine schöne Partnerschaft lebte, Pläne hatte und etwas in dieser Welt bewirken wollte. Es fühlt sich noch immer sinnlos an. Und vielleicht darf es das auch. Nicht jeder Tod lässt sich in eine Geschichte verwandeln, die am Ende Sinn ergibt.
Trauer ist viel mehr als Traurigkeit
Wenn wir von Trauer sprechen, denken viele zuerst an Traurigkeit. Doch Trauer kann ganz unterschiedlich aussehen. Wut kann dazugehören. Ebenso Sehnsucht, Leere, Sinnlosigkeit, Angst, Schuld, Erleichterung, Dankbarkeit, Unruhe oder auch Momente von Freude und Verbundenheit. Manchmal wechseln diese Gefühle innerhalb kurzer Zeit oder sie sind gleichzeitig da. Und die Trauer fragt schon gar nicht, ob ein bestimmtes Gefühl gerade passend ist.
Auch körperlich kann Trauer sehr deutlich spürbar werden – etwa durch Schlafprobleme, Erschöpfung, innere Unruhe, Magen-Darm-Beschwerden oder Konzentrationsprobleme. Dazu habe ich ausführlicher über Körpersymptome bei Trauer und darüber geschrieben, was dem Nervensystem helfen kann. Körpersymptome bei Trauer: Wenn der Körper mittrauert
An diesem Abend ließ ich meinen Groll einfach da sein. Die Kerze brannte. Und ich ging meiner Abendroutine nach. Habe später meinen Feierabend genossen, auch wenn die Trauer um meinen Freund da war. Gleichzeitig.
Trauer bedeutet nicht, einen Menschen loszulassen
Noch immer begegnet mir die Vorstellung, dass Trauer irgendwann mit „Loslassen“ zu tun haben müsse. Ich halte diese Vorstellung für zu kurz gegriffen. Denn warum sollten wir einen Menschen innerlich loslassen, nur weil er gestorben ist? Was sich verändert, ist nicht unbedingt die Verbindung. Was sich verändert, ist ihre Form. Mit diesem Gedanken beschäftige ich mich auch ausführlicher in meinem Artikel „Trauer verstehen: Warum Loslassen ein Mythos ist“. Warum Loslassen in der Trauer ein Mythos ist
Vor dem Tod findet Beziehung vor allem im Außen statt. Wir sprechen miteinander. Wir schauen uns an. Wir umarmen uns. Wir lachen gemeinsam. Wir diskutieren. Wir essen miteinander. Schreiben Nachrichten. Teilen Alltag. Nach dem Tod ist all das nicht mehr möglich. Und genau darin liegt ein großer Teil des Schmerzes.
Wenn Erinnerungen an einen verstorbenen Menschen verblassen
Mit der Zeit kann noch etwas anderes verunsichern. Unsere sinnlichen Erinnerungen verändern sich. Wie genau klang diese Stimme? Wie sah dieser eine Blick aus? Wie fühlte sich eine Umarmung an? Wie bewegte sich dieser Mensch? Wie roch seine Wohnung, seine Kleidung, sein Parfum? Gerade am Anfang der Trauer kann die Vorstellung Angst machen, dass solche Erinnerungen eines Tages blasser werden. Es kann sich anfühlen, als würde mit jedem Detail, das verloren geht, noch einmal ein kleines Stück dieses Menschen verschwinden. Doch Erinnern besteht nicht nur aus Bildern, Stimmen und Gerüchen. Menschen hinterlassen tiefere Spuren.
Die Beziehung zu einem verstorbenen Menschen kann weiterbestehen
Nach einem Verlust verändert sich die Beziehung zu einem Menschen. Was vorher im Außen gelebt wurde, kann mit der Zeit einen anderen Platz bekommen. Vielleicht taucht ein Satz dieses Menschen in einer bestimmten Situation plötzlich wieder auf. Vielleicht erinnert uns ein Lied an einen gemeinsamen Moment. Vielleicht übernehmen wir eine Haltung, die wir an ihm bewundert haben. Vielleicht kochen wir weiterhin ein bestimmtes Essen. Erzählen seine Geschichten. Benutzen eine typische Redewendung.Oder denken in einer schwierigen Situation: Was hätte er jetzt wohl dazu gesagt?
Die Beziehung wird innerlicher. Neben dem Verlustschmerz spüren wir die Verbundenheit wieder.
Trauer bedeutet auch, Dunkelheit und Licht gleichzeitig auszuhalten
Genau deshalb musste ich bei diesem Konzert immer wieder an Trauer denken. Draußen wurde es dunkler. Die Musik wurde heller. Das eine ersetzte das andere nicht. Es wurde nicht plötzlich wieder Tag. Die Dunkelheit blieb. Und gleichzeitig entstand etwas anderes. Vielleicht ist genau diese Gleichzeitigkeit eine der wichtigsten Erfahrungen in der Trauer.
Schmerz und Lebensfreude können gleichzeitig existieren.
Wir dürfen einen Menschen vermissen und trotzdem lachen. Wir dürfen wütend über seinen Tod sein und einen schönen Abend haben. Wir dürfen traurig sein und uns auf etwas freuen. Nichts davon verrät den verstorbenen Menschen. Und nichts davon macht die Trauer weniger echt.
Das Gegenteil von Trauern ist deshalb auch nicht Leben. Beides gehört zusammen.
Erinnerungsrituale können Trauer einen Platz geben
Rituale können helfen, dieser veränderten Beziehung Ausdruck zu geben. Dafür braucht es nichts Großes. Eine Kerze anzünden. Ein Lied hören. Ein Foto betrachten. Einen vertrauten Ort besuchen. Das Lieblingsessen des verstorbenen Menschen kochen. Seinen Namen aussprechen. Oder einfach einige Minuten still sein. Ein Ritual muss nicht tröstlich sein. Es darf traurig machen oder Sehnsucht. Rituale reparieren keinen Verlust. Aber sie können einen Raum schaffen für das, was ohnehin da ist.
Wenn es draußen dunkler wird, muss in uns nicht alles dunkel sein
Am Ende denke ich wieder an dieses Konzert. Draußen war es inzwischen dunkel geworden. Drinnen war Musik. Lebendige Musik. Die Dunkelheit musste dafür nicht verschwinden. Es geht bei manchen Übergängen nicht darum, möglichst schnell wieder ins Helle zu kommen, sondern sie auszuhalten.
Vielleicht kannst du mitten in der Dunkelheit wahrnehmen, was weiterhin leuchtet.
Wenn du gerade selbst in einem Übergang steckst
Vielleicht merkst du, dass sich auch deine Beziehung zu einem verstorbenen Menschen verändert. Vielleicht sind da Erinnerungen, Wut, Sehnsucht und Alltag gleichzeitig. Vielleicht möchtest du darüber sprechen – oder Worte sind im Moment gerade das Letzte, was du brauchst. In meiner Trauerbegleitung mit Worten geht es nicht darum, Trauer zu reparieren oder zu beschleunigen, sondern darum, gemeinsam auszuhalten, zu ordnen und einzuordnen. Mehr über die Trauerbegleitung mit Worten
Und wenn sich deine Trauer vor allem körperlich zeigt oder Gespräche gerade zu viel sind, arbeite ich auch körperorientiert mit Atmung, Wärme, Berührung und Entspannung. Mehr über die körperorientierte Trauerbegleitung ohne Worte
Es geht darum herauszufinden, wie du mit dem Verlust und mit der bleibenden Verbindung weiterleben kannst – auf deine eigene Weise.